Wie sieht die Zukunft der Pflege in Bayern aus?

24.11.2017

Wer wird uns zukünftig pflegen - wie - und wo? Dieser Frage widmet sich das 1. Pflegeforum der BARMER Bayern und des MDK Bayern mit 125 Teilnehmern aus Politik, Gesundheitswesen und Pflege. Der Bedarf an Pflegefachkräften kann heute schon nicht gedeckt werden. Laut aktuellem BARMER Pflegereport 2017 gibt es zu wenige Plätze für junge Pflegebedürftige. "Pflege muss bedarfsgerecht und bezahlbar sein", fordert Dr. Claudia Wöhler, Landesgeschäftsführerin der BARMER in Bayern. "Wir müssen die Pflegeversicherung daher schnellsektorenübergreifend weiterentwickeln."

Betreuungsplätze für junge Pflegebedürftige fehlen
Für etwa 350.000 Pflegebedürftige in Bayern hat das Jahr 2017 mit der Umstellung auf fünf Pflegegrade begonnen. Mit dieser Änderung rückt der Gesetzgeber die individuelle Lebenssituation von Pflegebedürftigen stärker in den Fokus. Deutlich mehr Menschen können nun Leistungen der Pflegeversicherung in Anspruch nehmen. Insbesondere Demenzerkrankte profitieren davon. "Für den Medizinischen Dienst war die neue Begutachtung eine echte Herausforderung, die wir erfolgreich gemeistert haben", stellt Reiner Kasperbauer, Geschäftsführer des MDK Bayern fest. Allerdings fehlen bundesweit Tausende Betreuungsplätze für junge Pflegebedürftige unter 60 Jahren. Auch können junge Pflegebedürftige häufig nicht so wohnen, wie sie es bevorzugen, weil entsprechende Angebote fehlen. Das zeigt der BARMER Pflegereport 2017. "Für junge Pflegebedürftige geht das Angebot an geeigneten Pflegeplätzen an deren Bedürfnissen vorbei", erklärt Wöhler. "Wir müssen die Situation der jungen Pflegebedürftigen kurzfristig verbessern. Hier sind Politik, Pflegekassen und Leistungserbringergleichermaßen gefordert", sagt Wöhler. Bei Pflegebedürftigen unter 60 Jahren, beginnend mit dem frühen Kindesalter, fehlen etwa 4.000 teilstationäre und rund 3.400 Kurzzeitpflegeplätze. Ende 2015 waren den Angaben zufolge etwa 13,5 Prozent der knapp 2,9 Millionen Pflegebedürftigen jünger als 60 Jahre - rund 386.000 Menschen in ganz Deutschland. Insgesamt haben sie andere Krankheitsbilder und leiden selten an Demenz oder den Folgen von Schlaganfällen. Nach der Analyse des Pflegereports haben 35 Prozent Lähmungen, 32 Prozent Intelligenzminderungen, 24 Prozent eine Epilepsie und 10 Prozent das Down-Syndrom.

Sektorengrenzen zwischen ambulanter und stationärer Pflege abbauen
"Jeder zweite Mann und drei von vier Frauen werden in ihrem Leben pflegebedürftig. Pflegebedürftigkeit ist kein Restrisiko, sondern ein allgemeines Lebensrisiko und muss dem entsprechend abgesichert werden" sagt der Mitautor des BARMER Pflegereports Professor Dr. Heinz Rothgang. Er stellt Reformvorschläge für die Pflegeversicherung vor. Wesentliches Zielseiner Vorschläge ist es, dass die pflegebedingten Kosten für alle Menschenfinanzierbar sind, unabhängig davon, ob sie zu Hause, im Betreuten Wohnen oder in einem Pflegeheim leben. "Dazu müssen die Sektorengrenzen zwischen ambulanter und stationärer Pflege abgebaut werden", fordert Rothgang. Das soll erreicht werden, indem Pflegemodule gebildet werden. Diese Module können von den Pflegebedürftigen ab- oder zugewählt oder auch in eigener Regie erbracht werden. Anstelle der bisher von der Pflegeversicherung bezahlten pauschalierten Zuschüsse mit einer Selbstbeteiligung von 100 Prozent bei allen Kosten, die darüber hinausgehen, wird nun von allen Pflegebedürftigen ein einheitlicher Sockelbetrag gezahlt, während alle darüber hinausgehenden Kosten von der Pflegeversicherung getragen werden. Die Höhe des Sockelbetrags und die Dauer, die jeder Pflegebedürftige als Eigenanteil leisten müsste, sollten politisch festgelegt werden.

Behandlungspflege in die GKV überführen
Um die Pflegeversicherung zu entlasten, schlägt Rothgang darüber hinaus vor, die Behandlungspflege in die gesetzliche Krankenversicherung (GKV) zu überführen. Damit würden 2,6 Milliarden Euro für die Pflegeversicherung frei.

Ergebnisse des BARMER Pflegereports 2017
Pflegebedürftige: Die Zahl der Pflegebedürftigen ist von insgesamt 2,02 Millionen im Jahr 1999 um 51 Prozent auf 3,04 Millionen im Jahr 2015 angestiegen. Hier sind alle Personen mit den Pflegestufen null bis drei beinhaltet. Davon waren 1,93 Millionen weiblich und 1,11 Millionen männlich. Zuletzt waren 79,5 Prozent der männlichen Pflegebedürftigen 60 Jahre und älter, während 90,5 Prozent der weiblichen Pflegebedürftigen zu dieser Gruppe gehören. 41,2 +beziehungsweise 64,1 Prozent waren 80 Jahre und älter (Seite 65). In Bayernwaren 350.000 Menschen pflegebedürftig.

Stellen in der Pflege: In der ambulanten Pflege hat sich die Zahl der Vollzeitstellen, wenn man Teil- und Vollzeitstellen zusammenrechnet, zwischen den Jahren 1999 und 2015 um 84 Prozent erhöht, von 125.400 auf 238.800 Personen. Im selben Zeitraum ist die Anzahl der Pflegebedürftigen, die sie versorgen, um 67 Prozent gestiegen, und zwar von 415.300 auf 692.300 Personen (Seite 131 f.).

Heimplätze: Im Jahr 2015 gab es 13.600 Pflegeheime in Deutschland mit insgesamt 928.900 Heimplätzen. Davon entfielen 877.100 Plätze auf die vollstationäre Pflege, 51.400 auf die Tagespflege und 400 Plätze auf die Nachtpflege (Seite 136 f.).

Eigenanteile: Der Gesamteigenanteil für Heimbewohner liegt im Durchschnitt bei monatlich 1.691 Euro. Dabei ist die Streuung beachtlich. Für ein Viertel der Einrichtungen liegt der Gesamteigenanteil unter 1.286 Euro, bei einem weiteren Viertel dagegen bei über 2.053 Euro und für ein Prozent der Einrichtungen sogar bei über 3.000 Euro. Auch auf Länderebene gibt es massive Unterschiede. So reicht der Gesamteigenanteil von 1.107 Euro in Sachsen-Anhalt bis hin zu 2.252 Euro in Nordrhein-Westfalen. In Bayern beträgt der Gesamteigenanteil 1.713 Euro. (Report Seite 30f.).

Von links nach rechts: Prof. Dr. Heinz Rothgang, Universität Bremen, Mitglied im Beirat des Bundesministeriums für Gesundheit zur Überprüfung des Pflegebedürftigkeitsbegriffs, Dr. Claudia Wöhler, BARMER Bayern, Landesgeschäftsführerin, Reiner Kasperbauer, MDK Bayern, Geschäftsführer, Dr. Bernhard Opolony, Bayerisches Staatsministerium für Gesundheit und Pflege, Abteilungsleiter Pflege und Prävention.

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Über den MDK Bayern

Der Medizinische Dienst der Krankenversicherung in Bayern (MDK Bayern) ist der unabhängige sozialmedizinische und pflegefachliche Beratungs- und Begutachtungsdienst von über 10,4 Mio. gesetzlich kranken- und pflegeversicherten Bürgern in Bayern. Im Jahr 2016 haben die über 1.000 angestellten Fachkräfte des MDK Bayern – überwiegend Ärzte und Pflegekräfte – in den 24 Beratungs- und Begutachtungszentren in Bayern mehr als 1,4 Millionen Gutachten, Empfehlungen und Einzelfallprüfungen im medizinischen und pflegerischen Bereich durchgeführt. Im Interesse der Versichertengemeinschaft trägt der MDK Bayern dazu bei, die gesundheitliche Versorgung insgesamt qualitativ weiterzuentwickeln und Maßnahmen zu vermeiden, die unnötig, gefährlich oder unwirtschaftlich sind. Ziel ist es, eine stabile gesundheitliche Versorgung auf hohem Niveau dauerhaft sicherzustellen.

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