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Pressemitteilung | München |

Die Hoffnung vom Aufschwung in der Pflege

Johanna Sell, Leiterin des Bereichs Pflege und seit 01.12.2018 neue stv. Geschäftsführerin des MDK Bayern, über Herausforderungen und Hoffnungen in der Pflege

Wechsel in der Führungsebene beim MDK Bayern: Zum 01.12.2018 hat Johanna Sell, bislang Leiterin des Bereichs Pflege, zusätzlich die Position der stv. Geschäftsführerin übernommen. Sie löst damit die Medizinerin Dr. Ottilie Randzio ab, die nach fast 30 Jahren beim MDK Bayern in den Ruhestand verabschiedet wurde. Mit Johanna Sell steht nun erstmals eine Juristin an der Spitze des MDK Bayern. Johanna Sell war zuvor lange Jahre Referatsleiterin sowohl in der Bayerischen Staatskanzlei als auch dem Bayerischen Sozialministerium.

Im Interview spricht Johanna Sell über die Herausforderungen und Hoffnungen im Themenbereich Pflege und verrät Ansätze, um Licht in den Leistungsdschungel der Versicherten zu bringen:

Frau Sell, mit Blick in die Zukunft: Welche Erwartungen und Hoffnungen haben Sie für die Pflege?
Johanna Sell: Das Thema „Pflege“ wird momentan meist mit dem Zusatz „Notstand“ versehen und dann wird über den Mangel an Pflegepersonal und die Arbeitsbedingungen diskutiert. Eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen ist zweifelsohne wichtig für die Steigerung der Attraktivität des Pflegeberufs. Aber für wen braucht es Pflegepersonal? In fast all diesen Diskussionen fehlen mir die Pflegebedürftigen selbst. Sie müssen wieder verstärkt in den Blick genommen und die Qualität ihrer Versorgung weiter ausgebaut werden. Da viele Pflegebedürftige und ihre Angehörigen sowohl mit der Übernahme der Pflege selbst als auch mit der Wahl zwischen den vielzähligen Leistungsarten sowie den verschiedenen Hilfs- und Unterstützungsangeboten überfordert sind, ist mir der Ausbau unabhängiger Beratungsangebote ein persönliches Anliegen. Die besten Leistungsangebote im Gesetzestext helfen nämlich nicht, wenn diese dann tatsächlich in der täglichen Pflege nichts ändern.

Apropos Gesetzestext: 2019 tritt das Pflegepersonal-Stärkungsgesetz in Kraft und mit ihm das neue Prüfverfahren in der stationären Versorgung. Ist das ein Schritt in die richtige Richtung?
Wir finden das neue Prüfverfahren gut. Die Erwartung ist, dass es auf Augenhöhe und in Partnerschaftlichkeit mit den Einrichtungen für eine qualitativ hochwertigere pflegerische Versorgung und für eine verbesserte Transparenz der Verbraucher sorgt. Anders als im bisherigen Prüfverfahren – in dem vor allem die Dokumentation geprüft wurde – wird künftig verstärkt die Ergebnisqualität anhand von sechs umfassenden Qualitätsaspekten festgestellt. Es wird also die tatsächlich beim Versicherten ankommende pflegerische Versorgung in den Blick genommen. Auch die Einrichtungen selbst sind mehr gefordert, sie müssen z. B. Indikatoren erheben, deren Plausibilität der MDK dann stichpunktartig prüft. Neben der Inaugenscheinnahme der Betroffenen wird der MDK Fachgespräche mit den Mitarbeitern der Einrichtungen führen. Deswegen wird die stationäre Prüfung dann auch – analog der ambulanten Prüfungen – einen Tag vorher angekündigt.

Wird das Prüfergebnis aufschlussreicher sein, als die Pflegenoten?
Davon bin ich überzeugt, denn statt einer Note sollen zukünftig dann eine Vielzahl von Qualitätskriterien mit individueller Gewichtung transparent für den Verbraucher sichtbar gemacht werden. Die endgültige Darstellung wird gerade erarbeitet und leider auch stark diskutiert. Vor allem von großen Einrichtungen oder Betreiberverbänden kommt Gegenwind bezüglich der Transparenz. Bedauerlicherweise wird auch über Themen wie die Personalausstattung diskutiert – also Basisinformationen, die von den Einrichtungen selbst erfasst werden und gar nicht auf die eigentliche Prüfung zurückgehen. Das ist eine Schwachstelle der Selbstverwaltung, die aus meiner Sicht problematisch ist.

Ständig gibt es Veränderungen – Sie haben vorhin schon eine Überforderung der Versicherten angesprochen. Wie können wir die Pflegebedürftigen besser „abholen“?
Die Leistungen, die den Pflegebedürftigen zur Verfügung stehen, werden immer komplexer. Es gibt Leistungen der Pflegeversicherung, der Krankenversicherung, der Sozialhilfe, der Eingliederungshilfe, Hilfe zur Pflege, Grundsicherung im Alter und bei Erwerbsminderung und dann kommen noch landesrechtliche Neuerungen wie das Bayerische Landespflegegeld hinzu – das ist der reinste Leistungsdschungel. Wir merken in unserer täglichen Arbeit, z. B. bei den Hausbesuchen in der Pflegebegutachtung, aber auch in unserer Telefonberatung, dass ein sehr hoher Beratungsbedarf bei den Pflegebedürftigen und ihren Angehörigen besteht. Hier müssen wir ansetzen, um für die Betroffenen das Optimale herauszuholen und sie bestmöglich zu unterstützen.

An welche Maßnahmen denken Sie konkret?
Die Pflegekassen sind gesetzlich verpflichtet zu beraten und viele nehmen das auch sehr ernst – allerdings ist es einigen Kassen, z. B. aufgrund ihrer Überregionalität, nicht möglich, in abgelegenen Regionen Bayerns aufsuchende Pflegeberatung anzubieten. An dieser Stelle kommt dann oft der MDK Bayern ins Spiel und wir übernehmen für die Kassen die Pflegeberatung vor Ort bzw. telefonisch über die Leitstelle Pflegeservice. Der MDK Bayern hat 56 ausgebildete Pflegeberater, also Pflegefachkräfte mit Berufserfahrung in der Pflegebegutachtung und einer Weiterbildung zum Pflegeberater. Diese Expertise stellen wir den Kassen, aber auch anderen Partnern, gerne zur Verfügung. Aus meiner Sicht ist es wichtig, sowohl die aufsuchende Pflegeberatung als auch „stationäre“ regionale Beratungsangebote auszubauen. Ein heute über 90-jähriger Pflegebedürftiger wird sich kaum online informieren, sondern eine Vor-Ort-Beratung in Anspruch nehmen wollen, z. B. in einem Pflegestützpunkt, der die Angebote vernetzt und aus einer Hand berät. Aber bayernweit gibt es momentan nur neun Pflegestützpunkte – wobei ursprünglich 60 angedacht waren. Hier sind die Kommunen und Pflegekassen jetzt gefordert, gemeinsam die notwendigen Strukturen zu schaffen.
Der MDK Bayern bietet hierbei gerne seine Unterstützung an: Mit unserem gut geschulten Fachpersonal könnten wir auch in den neuen Stützpunkten die Beratung der Pflegebedürftigen und ihrer Angehörigen übernehmen, wie wir es in den Bestehenden teilweise auch schon tun.

Vita Johanna Sell

  • Geb. 21.04.1981
  • Studium der Rechtswissenschaften an der Universität Passau und der Università degli studi di Pavia (Italien)
  • 2006 – 2008 Referendariat u. a. bei der Versicherungskammer Bayern (München), Sana GmbH & Co KGaA (München), Staatsanwaltschaft und Amtsgericht Landshut
  • 09/2008 – 10/2011 Staatsministerium für Arbeit und Sozialordnung, Familie und Frauen, München
  • Referentin in den Bereichen Asylbewerberversorgung, Finanzen und Landtag/Ministerrat
  • 10/2011 – 05/2015 Bayerische Staatskanzlei, Vertretung des Freistaats Bayern beim Bund, Berlin
  • Referatsleiterin für die Bereich Arbeit und Soziales, Familie, Senioren, Frauen, Jugend und Pflege
  • 06/2015 – 04/2018 Bayerisches Staatsministerium für Arbeit und Soziales, Familie und Integration, München
  • Referatsleiterin für Sozialhilfe und Soziales Entschädigungsrecht
  • seit 05/2018 Leiterin Bereich Pflege des MDK Bayern
  • seit 12/2018 stellvertretende Geschäftsführerin des MDK Bayern

 

 

Über den MDK Bayern

Der Medizinische Dienst der Krankenversicherung in Bayern (MDK Bayern) ist der unabhängige sozialmedizinische und pflegefachliche Beratungs- und Begutachtungsdienst von über 10,4 Mio. gesetzlich kranken- und pflegeversicherten Bürgern in Bayern. Im Jahr 2017 haben die über 1.000 angestellten Fachkräfte des MDK Bayern – überwiegend Ärzte und Pflegekräfte – in den 24 Beratungs- und Begutachtungszentren in Bayern mehr als 1,4 Millionen Gutachten, Empfehlungen und Einzelfallprüfungen im medizinischen und pflegerischen Bereich durchgeführt. Im Interesse der Versichertengemeinschaft trägt der MDK Bayern dazu bei, die gesundheitliche Versorgung insgesamt qualitativ weiterzuentwickeln und Maßnahmen zu vermeiden, die unnötig, gefährlich oder unwirtschaftlich sind. Ziel ist es, eine stabile gesundheitliche Versorgung auf hohem Niveau dauerhaft sicherzustellen.



Pressekontakt

MDK Bayern
Ruth Wermes
Unternehmenskommunikation
Haidenauplatz 1
D-81667 München
Tel: +49 (0)89 67008-109
E-Mail: ruth.wermes@mdk-bayern.de
www.mdk-bayern.de