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MDK Bayen | Pressemitteilung | München |

Cannabinoide – zwischen Wunsch und Wirklichkeit

MDK Bayern zieht Resümee nach 2 Jahren / Fallzahlen auf hohem Niveau

Seit genau zwei Jahren darf deutschlandweit jeder Vertragsarzt und jede Vertragsärztin Cannabis zu medizinischen Zwecken verordnen. Die große Nachfrage in 2017 hat auch im vergangenen Jahr nicht nachgelassen. Seit Inkrafttreten des Gesetzes am 10.03.2017 hat der MDK Bayern mehr als 10.000 Anträge zu Cannabinoiden zur Begutachtung erhalten. Aufgrund der meist hohen Komplexität der Anträge ist die Expertise der Ärztlichen Gutachterinnen und Gutacher gefragt. Der MDK Bayern gibt Einblick in die Fallzahlen und zeigt, wie die Begutachtung in der Praxis abläuft.

„Die Erwartungshaltung der Patienten an Cannabinoide ist nach wie vor sehr hoch. Das zeigen die vielen Anträge, die uns zur Begutachtung vorgelegt werden“, sagt Prof. Dr. Astrid Zobel, Leitende Ärztin des MDK Bayern. 2018 wurden dem MDK Bayern insgesamt 6.282 Fälle zu Cannabinoiden zur Prüfung von den Krankenkassen vorgelegt. In 2.819 Fällen (46,7 Prozent) kam der MDK Bayern zu dem Ergebnis, dass die im § 31 Absatz 6 SGB V festgelegten sozialmedizinischen Voraussetzungen für die Verordnung auf „Kassenrezept“ erfüllt waren. Mehr als ein Viertel der Fälle (30,8 Prozent) erfüllten hingegen nicht die Voraussetzungen, d. h. es lag z. B. keine schwerwiegende Erkrankung vor (s. u. „3 Fragen an“). Bei etwa jedem fünften Antrag (22,5 Prozent) konnte zunächst keine abschließende Begutachtung durch den MDK Bayern erfolgen; dies ist z. B. der Fall, wenn aussagekräftige Unterlagen für eine fundierte Begutachtung fehlen und Befunde nachgefordert werden müssen.

Komplexe, zeitintensive Anträge
Die Ärztlichen Gutachterinnen und Gutachter orientieren sich in ihren Beurteilungen an der bundesweit verbindlichen Begutachtungsanleitung „Sozialmedizinische Begutachtung von Cannabinoiden nach § 31 Absatz 6 SGB V“.
„Wir erhalten insgesamt zunehmend komplexere Fälle“, gibt Prof. Zobel einen Einblick in die Einzelfallbegutachtung. Beim „klassischen, chronischen Schmerzpatienten“ wird der Antrag auf Kostenübernahme der Cannabinoide mittlerweile häufig ohne Einschaltung des MDK unmittelbar von der Krankenkasse entschieden. „Bei den komplexeren Anträgen, wenn fundierte medizinische Fachkenntnisse gefordert sind, kommt der MDK ins Spiel“, sagt die Leitende Ärztin. Für eine qualitativ hochwertige Begutachtung stehen die Ärztlichen Gutachterinnen und Gutachter des MDK Bayern in regelmäßigen Qualitätszirkeln im Austausch.

Kein Wundermittel
Der MDK Bayern geht davon aus, dass die Fallzahlen auch in diesem Jahr auf dem hohen Niveau bleiben werden. Hinsichtlich der hohen Erwartungen stellt Prof. Zobel allerdings klar: „Cannabinoide sind keine Wundermittel. Für viele beantragte Indikationen liegen keine oder nur sehr geringe Hinweise auf eine Wirksamkeit bzw. einen Nutzen von Cannbinoiden vor.  Auch bei chronischen Schmerzen sind Cannabinoide in der Regel nur als Ergänzung zu einer multimodalen Schmerztherapie zu sehen.“


3 Fragen an: Prof. Dr. Astrid Zobel, Leitende Ärztin, MDK Bayern:

Bei welchen Erkrankungen kann medizinisches Cannabis zum Einsatz kommen?
Laut Gesetz müssen drei Voraussetzungen erfüllt sein. Erstens: Die Erkrankung ist schwerwiegend. (Anmerkung d. Red.: Eine Krankheit gilt als schwerwiegend, wenn sie lebensbedrohlich ist oder wenn sie aufgrund der Schwere der durch sie verursachten Gesundheitsstörungen die Lebensqualität auf Dauer nachhaltig beeinträchtigt. Da viele Erkrankungen in verschiedenen Stadien verlaufen und unterschiedliche Ausprägungen haben, muss die Frage, ob eine Erkrankung schwerwiegend ist, anhand der individuellen Situation des Patienten oder der Patientin beantwortet werden.) 
Zweitens: Es gibt keine allgemein anerkannte, dem medizinischen Standard entsprechende Therapie bzw. eine solche kann nach Einschätzung des behandelnden Arztes oder der Ärztin im Einzelfall nicht angewendet werden.
Drittens: Es gibt eine „nicht ganz entfernt liegende Aussicht“, dass Cannabinoide auf den Krankheitsverlauf oder schwerwiegende Krankheitssymptome „spürbar positiv einwirken“.

Muss die Krankenkasse den MDK mit der Begutachtung beauftragen?
Nein. Es gibt im Gesetz keine Verpflichtung hierzu. Die Krankenkasse kann den MDK einschalten, um sozialmedizinische Fragen im Zusammenhang mit der Genehmigung der Cannabis-Verordnung zu klären. Der MDK bewertet dann den medizinischen Sachverhalt und gibt auf dieser Basis eine Empfehlung an die Krankenkasse. Die Entscheidung (Genehmigung oder Ablehnung des Antrags) trifft die Krankenkasse.

Wann fällt die Empfehlung des MDK Bayern negativ aus?
Oft fehlt in den Anträgen die ausreichend begründete Einschätzung des Vertragsarztes, dass eine allgemein anerkannte, dem medizinischen Standard entsprechende Leistung nicht vorhanden ist oder im individuellen Fall nicht angewendet werden kann. Anträge können sozialmedizinisch auch dann nicht befürwortet werden, wenn die Verordnung durch den Vertragsarzt oder ärztliche Angaben zum Krankheitsbild fehlen. Auch wenn es im Einzelfall keine Hinweise auf die Möglichkeit einer spürbar positiven Einwirkung von Cannabinoiden auf Symptomatik und Krankheitsverlauf gibt, spricht sich der Ärztliche Gutachter bzw. die Ärztliche Gutachterin gegen die Anwendung von Cannabis auf Kosten der gesetzlichen Krankenversicherung aus.

 

 

Über den MDK Bayern

Der Medizinische Dienst der Krankenversicherung in Bayern (MDK Bayern) ist der unabhängige sozialmedizinische und pflegefachliche Beratungs- und Begutachtungsdienst von über 10,4 Mio. gesetzlich kranken- und pflegeversicherten Bürgern in Bayern. Im Jahr 2018 haben die über 1.400 angestellten Fachkräfte des MDK Bayern – überwiegend Ärzte und Pflegekräfte – in den 24 Beratungs- und Begutachtungszentren in Bayern mehr als 1,26 Millionen Gutachten, Empfehlungen und Einzelfallprüfungen im medizinischen und pflegerischen Bereich durchgeführt. Im Interesse der Versichertengemeinschaft trägt der MDK Bayern dazu bei, die gesundheitliche Versorgung insgesamt qualitativ weiterzuentwickeln und Maßnahmen zu vermeiden, die unnötig, gefährlich oder unwirtschaftlich sind. Ziel ist es, eine stabile gesundheitliche Versorgung auf hohem Niveau dauerhaft sicherzustellen.



Pressekontakt

MDK Bayern
Ruth Wermes
Unternehmenskommunikation
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